Der Garten
Hinter hohen Mauern, sorgsam versteckt in einem Labyrinth schmaler Gassen einer geschäftigen Stadt, lag ein Garten. Fred war sein Gärtner. Im vorigen Sommer hatte er ihn spät abends beim Spazierengehen entdeckt. Der schmale Torbogen, der ihn einließ, lag am Ende einer Sackgasse. Davor waren halbherzig ein paar Bretter genagelt. Brombeeren wucherten zwischen den Mauern, ihre Ranken hatten sich in dem steingesäumten Becken ausgebreitet wie ein stacheliger See. Im Uferbereich umspülten sie Geröllblöcke und allerlei Müll, über Jahre hinweg achtlos über die Mauer geworfen. Selbst ein rostiges Fahrrad mit verbogenen Felgen lag darunter. Doch aus dieser trostlosen Dornenlandschaft ragten wunderbare Bäume empor. Eine grazile Birke gab es da, die hellgolden im Abendlicht erstrahlte. Einen Holunder, dessen Blüten die laue Luft mit betörendem Duft erfüllten. In einer Ecke setzte Fingerhut farbige Tupfer, darüber breitete eine hohe Eiche ihre Fittiche aus und spendete kühlen Schatten. Dies musste einst ein hübscher Park gewesen sein, dachte sich Fred, als er auf eine verwitterte Holzbank ein Stück neben dem Eingang stieg, um sich einen besseren Überblick zu verschaffen. Noch nie hatte er von ihm gehört und er hatte sein ganzes Leben in der Stadt verbracht. Ob es jemanden störte, wenn er hier ein wenig aufräumte?
Und so begann Fred, die Brombeeren zu stutzen. Eine mühselige Arbeit war das, die seine Arme mit zahllosen Kratzern sprenkelte und Löcher in sein Leinenhemd riss. Tagelang brachte er damit zu, die Ranken in seinem klapprigen Kombi zur Deponie zu fahren, denn er war ein grummeliger alter Mann und dachte so wenig daran, von seinen Nachbarn einen Anhänger zu leihen, wie Zucker zu borgen. Niemand fragte ihn, warum er mit Gestrüpp auf der Rückbank durch die Straßen fuhr. Niemanden schien es zu stören, dass er in der Wildnis hinter den Steinmauern vor sich hinarbeitete. Als die Brombeeren bezwungen und der Müll entsorgt war, säte er neuen Rasen aus. Er goss ihn täglich, damit die zarten Keime in der Hitze des Sommers nicht eingingen. Wasser gab es vor Ort keines, er musste es in Gießkannen von zu Hause aus herfahren. Lästig war das und einmal war eine der Kannen umgekippt, als er mit zu viel Schwung in eine Kurve gefahren war, und hatte seinen Straßenatlas durchtränkt, der jahrelang ohne auch nur ein Eselsohr zu bekommen in seinem Auto gelegen hatte. Der Rasen wuchs, wurde zur Wiese, Klee gesellte sich dazu und allmählich sah der Garten wieder ganz manierlich aus. Nur im Eingangsbereich ließ Fred weiter Unkraut wuchern und auch den Bretterverschlag entfernte er nicht. Er war froh, dass er mit dem Garten, den im Wind rauschenden Blättern und dem Zwitschern der Vögel, alleine war. Da brauchte er keine lärmenden Leute. Jahrelang hatte sich kein Mensch um den kleinen Park geschert, er allein hatte ihn aus seinem Dornröschenschlaf geweckt und Fred verspürte wenig Lust, ihn mit anderen zu teilen.
Der Herbst kam, die Blätter der Birke funkelten goldgelb wie Sterntaler, der alte Ahorn hatte ein Kleid in den Farben der untergehenden Sonne angelegt und im welken Laub, das sich um den Stamm der Eiche aufhäufte, quartierte sich ein Igel ein. Fred saß mit Klapphocker und einer Thermoskanne voll dampfendem Hagebuttentee bewaffnet inmitten des Farbspektakels und sah den Eichhörnchen beim Anlegen ihrer Wintervorräte zu. Als Schnee fiel, verließ er das Haus nur selten, die Kälte schmerzte seinen alten Knochen. Fred nutzte die kalte Jahreszeit um in Schaals gewickelt missmutig aus dem Fenster zu schauen und Sternsänger zu verscheuchen. Sein Garten ruhte friedlich zugedeckt in Erwartung wärmerer Tage. Eines Morgens steckten Schneeglöckchen zögerlich ihre Köpfe aus der Erde. Wie Murmeltiere prüften sie, ob die Luft rein war, dann gaben sie Schlüsselblumen, Märzenbechern und Narzissen Bescheid ihnen zu folgen. Die Bäume entfalteten ihre zarten Blätter wie ein frisch geschlüpfter Schmetterling seine Flügel. Fred hatte sich nie als sonderlich rührselig gesehen, doch das Wunder des aufkeimenden Frühlings lies sein Herz leichter werden und ihn tatsächlich lächeln.
Er beschloss, Gemüse anzupflanzen. Gewiss war der Park nicht dazu gedacht, aber da sich noch immer niemand um seine Gartenarbeiten scherte, ging er das Wagnis ein. Seine Kindheit hatte Fred auf einem Hof verbracht, sein Vater hatte Paprika und Tomaten angepflanzt, seine Mutter sich um Beerensträucher gekümmert, und so beschloss er, es ihnen gleich zu tun. Er kaufte Samen, zog sie auf dem Fensterbrett seiner Küche zu Setzlingen heran, die Eisheiligen kamen und gingen und er brachte die Pflänzchen in den Garten. An einer der Mauern grub er ein Stück Erde um und hoffte, dass sie es in dem Beet bequem hatten. Drum herum säte er Wildblumen aus, in der Hoffnung, damit Bienen anzulocken. Täglich kam er, um zu gießen. Sein Gemüsegarten gedieh prächtig und er sah beseelt dabei zu, wie Hummeln um seinen Thymian brummten.
Fred war rundum zufrieden. Bis eines Tages Kinder auf einer der Parkbänke saßen. Zwei Mädchen waren es, das eine schleckte glücklich an einem Eis, das andere plapperte unaufhörlich, nebendran lehnte ein Fahrrad. Ihre Schultaschen hatten sie ins Gras geworfen. Fred blieb wie angewurzelt im Torbogen stehen und wagte es nicht, den Park zu betreten. Wie konnten die beiden es wagen, sich derart frech in seinem Garten zu fläzen? Gewiss, es waren nur zwei Schulkinder, doch bald schon würden sie ihre Freunde nachholen, das wusste er genau. Schreckliche Bilder tauchten vor seinem inneren Auge auf. Fahrräder würden seine Beete durchpflügen, Rollschuhe seinen Kräutergarten plattwalzen, Fußbälle sein Blumenbeet zerbomben und Frisbees seine Tomaten köpfen, die er mit so viel Hingabe großgezogen hatte. Auf die Bäume würden sie klettern und Äste abbrechen. Nicht mehr lange, und Teenager würden auf den Bänken lungern, Bierdosen auftürmen und die Mauern mit Graffitis besprühen. Sein Paradies würde ruiniert werden. Es stand außer Frage.
Fred würde es nicht ertragen können, zuzusehen. Es war zu viel für ihn. Er machte kehrt und hastete davon. Immer weiter eilte er die kopfsteingepflasterten Gassen entlang, Hauptsache fort. Er bog im Laufschritt um eine Ecke, und im selben Moment trat aus einem Hauseingang eine Frau, in der Hand eine Einkaufstasche, an der Leine einen Yorkshire Terrier. Bellend sprang ihm der Hund in den Weg. Fred versuchte auszuweichen, stolperte auf dem unebenen Boden, machte dabei eine sehr ungeschickte Drehung und viel der Länge nach auf den harten Stein. Schmerz schoss in sein Bein. So heftig, dass er für den Moment gar die Sorgen um den Garten verdrängte. Fluchend versuchte er sich aufzurappeln, die Frau eilte ihm mit überrascht-besorgter Mine zu Hilfe. Lange hatte Fred keine so tollen Grimassen mehr gemacht wie bei dem Versucht, mit dem rechten Bein aufzutreten. Die Frau stammelte Entschuldigungen. Sie könne doch nichts dafür, entgegnete Fred und ärgerte sich stattdessen über den Hund der sie beide, um seinen Spaziergang gebracht, ungeduldig ankläffte. Auf die Frau gestützt humpelte Fred ein Stück und sie führte ihn ins Haus, wo er auf den unteren Stufen einer Holztreppe hoch ins erste Stockwerk platz nahm. „Alles halb so wild“, presste er zwischen den Zähnen hindurch, war sich gleichzeitig jedoch ziemlich sicher, dass sein Bein gebrochen war.
Fred lag auf unbequemen Kissen. Die Frau hatte ihm einen Arzt gerufen und nun ruhte er alleine mit eingegipstem Bein in einem tristen Krankenhauszimmer. Sein Bettnachbar war vor ein paar Tagen entlassen worden, den Blumenstrauß auf dem Nachttisch hatte er stehen lassen. Die Stile ragten kahl aus der mattgrünen Vase, die welken Blütenblätter, erschöpft abgeworfen, umringten sie wie trauriges Konfetti. Nicht genug, dass sein Bruch heilen musste, er war dazu auch noch krank vor Sorge. Die Blumenvase war nur eine Miniatur dessen, was ihn bei der Rückkehr in seinen Garten erwarten würde. Vor dem Fenster brannte die Sonne erbarmungslos auf eine wackere Linde. In ihrem Schatten saß verschwitzt ein beleibter Mann auf einer Bank und fächelte sich mit einem Prospekt Luft zu. Es war die Zeit des Jahres, in der die Sommerhitze ihre Finger in jeden Winkel der Stadt streckte und selbst nachts nicht loslassen wollte. In einem klimatisierten Krankenhauszimmer zu liegen hatte also auch etwas Gutes. Doch marodierende Jugendliche hin oder her, wenn sein Garten ihnen noch nicht zum Opfer gefallen war, so war er gewiss verdurstet. Die einst grüne Wiese glich sicher einer Savanne, Petersilie und Minze hatten sich der Hitze geschlagen gegeben zum Sterben nieder gelegt, Bohnen und Tomaten dörrten an Gestänge festgekettet aus und den Sonnenblumen hatte alle Anbetung des Himmelsgestirns nichts genutzt. So stellte Fred es sich vor.
Am Tag darauf wurde er aus dem Krankenhaus entlassen. Die Sonne schien, jedoch milder, und eine angenehme Briese kräuselte ihm das Haar. Im Taxi ließ er sich in die Nähe des Gartens fahren. Die Gassen bis ans Ziel waren zu schmal für Autos, den Rest des Weges ging er gestützt auf Krücken, die man ihm als Abschiedsgeschenk mitgegeben hatte. Ihm graute vor dem Anblick, der ihn erwarten würde, doch er musste es sehen. Lange zögerte er, dann trat er durch den Torbogen.
Ein einziges Mal in seinem Leben war Fred ins Ausland verreist. Mit dem Zug nach Paris, um den Hals eine Kamera gehängt, wie es sich für einen Touristen gehörte. Er war stolz auf seine Spiegelreflex und mit heller Begeisterung bannte er die Treppen von Montmartre, die Hausboote der Seine und kleine Straßenkaffees auf Kodachrome. Auf der Rückfahrt schlief er ein und wäre beinahe zu weit gefahren. Hastig sprang er doch noch aus dem Wagon, eilte in den Anschlusszug am Gleis gegenüber um die letzten Stationen bis nach Hause zu nehmen, und ließ dabei die Kamera liegen. Als er dies panisch bemerkte, sah er aus dem Fenster, wie der Zug aus Paris gerade abfuhr und mit ihm seine kostbaren, auf Farbfilm festgehaltenen Erinnerungen. Die Erleichterung, als das Fundbüro drei Tage später anrief um zu sagen, ein Fahrgast hätte einen Fotoapparat abgegeben der mit seiner Anschrift und Telefonnummer etikettiert war, war unbeschreiblich. Die selbe Erleichterung ereilte ihn auch jetzt, da sein Garten unversehrt und in bester Ordnung vor ihm lag. Bienenweide, Cosmea und Ringelblumen standen in voller Blüte, die Tomaten leuchteten an den Stauden wie Christbaumkugeln und die Sonnenblumen schwankten glücklich im leichten Wind. Wieder einmal stand Fred ungläubig im Torbogen. Auf der Bank saß dasselbe Mädchen wie ein paar Wochen zuvor, statt einem Eis hielt sie nun ein Buch in der Hand in dem sie konzentriert las. Neben der Bank stand eine Gießkanne. Schließlich blickte sie auf, sah zu ihm rüber, schwieg einen Moment und rief dann: „Der Garten sah durstig aus“. Fred nickt und ging zu den Beeten hinüber. Er schritt die Gemüsereihen ab und strich mit der Hand sacht durchs Blumenbeet. Dann blickte er wieder zu dem Mädchen hinüber und lächelte dankbar.
Von dem Tag an pflegten sie den Garten gemeinsam. Er erzählte ihr alles, was er über Gemüseanbau wusste und gemeinsam mit ihren Freunden pflanzte sie im nächsten Jahr begeistert eigene Radieschen und Erdbeeren. Der Garten wurde erneut zum Park in dem sich Familien trafen, Feste wurden gefeiert, und bei alle dem war Fred mit dabei. Er war glücklich wie lange nicht mehr. Auch nachdem er im darauf folgenden Frühling starb kümmerten sich das Mädchen und das gesamte Stadtviertel hingebungsvoll um ihr kleines Paradies. Noch lange erinnerten sie sich gerne an den alten Mann zurück, der es unter den Brombeerranken wiederentdeckt hatte.
